Read Wie die Schwaben nach Szulok kamen: Erzählforschung in einem ungarndeutschen Dorf (Campus Forschung) by Bernd Rieken Online

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In einem deutschsprachigen Dorf in S dungarn machte sich der Autor auf die Suche nach altem Volksglauben und magischem Denken In autobiographischen Erz hlungen fand er unter der modernen gesellschaftlichen Oberfl che Geschichten von Fluch, Verw nschung oder g ttlicher Strafe Daneben geht es ihm um das Verh ltnis Schwaben und Ungarn, um die Turbulenzen der Nachkriegsjahre und nicht zuletzt um den Mythos der guten alten Zeit....

Title : Wie die Schwaben nach Szulok kamen: Erzählforschung in einem ungarndeutschen Dorf (Campus Forschung)
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ISBN : 3593364816
ISBN13 : 978-3593364810
Format Type : E-Book
Language : Deutsch
Publisher : Campus Verlag Auflage 1 15 M rz 2000
Number of Pages : 247 Seiten
File Size : 563 KB
Status : Available For Download
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Wie die Schwaben nach Szulok kamen: Erzählforschung in einem ungarndeutschen Dorf (Campus Forschung) Reviews

  • Ilse Rollett
    2019-04-17 13:01

    Hinter dem sperrigen Titel verbergen sich überraschende Einsichten und tiefgründige Analysen: Alltägliche und banale Geschichten, erzählt von Leuten des sog. ‚einfachen Volkes’ – traditionelle Erzählprosa also - werden hier in einen ungewohnten Zusammenhang gestellt, analysiert und interpretiert, oder mit dem Autor gesprochen: „Ich wollte primär einen Zusammenhang zwischen den traditionellen und modernen Genres der Volksprosa, die im autobiographischen Erzählen vorkommen, und der Lebensgeschichte herstellen.“ Eine der Ausgangsthesen der vorliegenden Untersuchung lautet folgerichtig, dass es eine Überlieferung von Geschichten als objektiven Vorgang nicht gibt, denn Überlieferung ist immer eng an die eigene Lebensgeschichte gekoppelt und folgt den psychischen Bedürfnissen des Erzählers.B. Rieken – Volkskundler und Psychotherapeut – hat in einem kleinen ungarndeutschen Dorf südlich des Plattensees Interviews mit älteren Menschen gemacht und sie zu ihrer Lebensgeschichte und zu traditionellen Volkserzählungen befragt und Zusammenhänge zwischen Lebensgeschichte und eben diesen Erzählungen hergestellt. Das aufgrund der geographischen Lage bis in die Mitte des Jahrhunderts relativ isolierte Dasein des deutschsprachigen Dorfes Szulok prädestinierte es darüber hinaus zur Fragestellung, was von den alten Erzählungen – Märchen, Sagen, Schwänke – angesichts von Modernisierungsschüben und politischen Veränderungen übriggeblieben ist.Die Interviews mit ihren ausführlichen analytischen Deutungen lesen sich dann auch als stückweises und langsames Ans-Tageslicht-Befördern uneingestandener oder verdrängter Wünsche, Sehnsüchte, Beweggründe.Da gibt es zum Beispiel den alten Handwerker, der Pfarrersschwänke mitteilt, in denen Geistliche unter anderem wegen sexuellen Fehlverhaltens diskreditiert werden, und bei dem sich herausstellt, dass er selber gerne Pfarrer geworden wäre, aber zeitlebens ein Problem mit der Zügelung seiner Triebe hatte.Oder jene ältere Dame, die von einem Gutsbesitzer erzählt, der betrunken mit der Peitsche auf ein Wegkreuz geschlagen hat und daraufhin vom Weinfass überrollt und erschlagen wurde, woraufhin in den nächsten drei Jahren am Todestag dieses Mannes der Blitz auf seinem Gehöft eingeschlagen hat: Bei ihr stellt sich heraus, dass diese Sage in symbolischer Verdichtung ihre eigenen Eheprobleme thematisiert, da sie von ihrem alkoholkranken Mann immer wieder geschlagen und drangsaliert wurde.Ein weiteres Kapitel befasst sich mit einem alten Landwirt, der allerlei Geschichten aus dem Bereich des Volksglaubens mitteilt, etwa von der alten Frau, die ein Mistbeet verhext, vom Mann mit den zusammengewachsenen Augenbrauen, der ein Kind mit Hilfe schwarzer Magie schädigt, oder vom ‚Dachreiter’, einem Schlafwandler, der nachts durch das Schlüsselloch entweicht, um auf dem Dach zu spazieren. Dem Autor geht es hier um das Beschreiben aber auch das Erklären von magische Praktiken als Elementarformen des menschlichen Denkens und Handelns.Auch dies sind aber Geschichten, die unbewusst Themen aus der Biographie des Erzählers berühren, und es ist interessant nachzuvollziehen und spannend zu lesen, dass tatsächlich zwischen eigenen Problemen und Geschichten, die man immer wieder erzählt, Zusammenhänge bestehen – eine Erkenntnis, die Psychotherapeuten wohlbekannt sein dürfte, hier aber am Beispiel volkskundlicher Erzählforschung plausibel gemacht wird.Ein weiteres Thema ist die jüngere Zeitgeschichte, die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg, in der es um Deportation, Vertreibung, Volkaufstand, (erzwungene) Assimilierung und auch die politische Wende Anfang der 90er Jahre geht. Da wird viel über die Gegenwart gejammert und der Mythos der ‚guten alten Zeit’ beschworen, dessen Funktionen ausführlich analysiert werden.Die ungewohnte Kombination von traditioneller volkskundlicher Erzählforschung und psychoanalytischen bzw. individualpsychologischen Theorien erlaubt interessante Fragestellungen und vor allem ungewohnte Antworten und Einsichten in die Grundprobleme menschlicher Existenz – was dieses Buch auch für interessierte LaiInnen höchst interessant und spannend macht.Ilse Rollett