Read Wie wir denken lernen by Peter Hobson Online

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RezensionNoch vor wenigen Jahren konnten sich Gehirnforscher wie Joseph LeDoux und Antonio Damasio etwas darauf zugute halten, ein bis dahin v llig vernachl ssigtes Gebiet neu zu erkunden die Rolle der Gef hle f r die menschliche Verhaltenssteuerung Jahrzehntelang war Kognitionsforschung die Ergr ndung rationalen Denkens gewesen Gef hle hatte man als den st renden, irrationalen Sumpf in den Untergrund verbannt Das hat sich mittlerweile v llig ge ndert LeDoux Das Netz der Gef hle hat Emotionspsychologie und Neurobiologie in Einklang gebracht, Damasio Descartes Irrtum dargelegt, dass wir gar nicht anders entscheiden k nnen als aus dem Bauch heraus Und nun geht Peter Hobson daran, unser Denken endg ltig und buchst blich vom Kopf auf die F e zu stellen Nur dank der Gef hle sei der Mensch zum symbolischen und kreativen Denken in der Lage Vom ersten Schrei an strebt ein Kind danach, mit anderen Menschen in Beziehung zu treten Es sucht Blickkontakt, ahmt nach und erkennt den emotionalen Gesichtsausdruck seines Gegen bers So entsteht prim re Intersubjektivit t ein inniger Einklang und fein abgestimmter emotionaler Austausch zwischen Bezugsperson und Kind Ma geblich ist dabei, dass das Kind willens und f hig ist, sich in den anderen einzuf hlen Im Alter von etwa einem Jahr erweitert sich dieser Prozess zur sekund ren Intersubjektivit t Das Kind sucht den Austausch ber etwas Drittes Es erfasst die Haltung, die ein anderer gegen ber Dingen und Erfahrungen einnimmt wie die Angst der Mutter vor Schlangen oder die Neigung eines Spielgef hrten zu seinem Lieblingsteddy und kann sie f r sein eigenes Verhalten ber cksichtigen Solche Einstellungen zu etwas fallen f r Hobson unter Emotionen , eine Klassifizierung, die gew hnungsbed rftig, aber durchaus blich und sinnvoll ist Wenn das Kind dann begriffen hat, dass es mehrere Perspektiven zum Beispiel eine eigene und eine fremde auf dasselbe Ding gibt, und zwischen ihnen wechseln kann, ist es nur noch ein kleiner Schritt dahin, ein Ding mal als es selbst, mal als etwas anderes zu betrachten also zum Symbolgebrauch Das Kind nimmt eine Kiste und tut so, als w re es ein Auto Es nimmt also gleichzeitig zwei unterschiedliche Haltungen zu der Kiste ein Nahtlos schlie t sich an solches Symbolspiel die h chste Form des Symbolgebrauchs an, die menschliche Sprache Aus der emotionalen Einf hlung ist rationales Denken geworden Wie Hobson diese Theorie entwickelt und anhand zahlreicher Untersuchungen untermauert, ist trotz einiger Wiederholungen h chst spannend zu lesen Hobson ist als Professor f r Psychopathologie in London zugleich Experimentalpsychologe, Psychiater und ausgebildeter Psychoanalytiker ber alle drei Disziplinen hat er sich seit langem dem Ph nomen des Autismus angen hert, das ihm f r seine Theorie als nat rliches L sionsexperiment dient Man beobachte, wie sich das Denken bei Menschen entwickelt, denen von Geburt an die F higkeit fehlt, andere Menschen als f hlende Wesen zu erfahren Tats chlich zeigen autistische Kinder nie Symbolspiel und haben Schwierigkeiten mit dem Sprechenlernen hnliche St rungen bilden sich berdurchschnittlich h ufig auch bei blinden Kindern heraus, die ja ebenfalls daran gehindert sind, die Gef hle anderer Menschen und den Gegenstand von deren Aufmerksamkeit wahrzunehmen Hobsons Theorie kann nicht alle Symptome des Autismus erkl ren, etwa das stereotype Verhalten und die charakteristischen Wahrnehmungsst rungen Man vermisst auch eine Erkl rung, warum Autisten, ohne angeblich Symbole verstehen zu k nnen, trotzdem oft sprechen lernen Aber Autismus ist auch nur ein Nebenthema des vorliegenden Buchs Leider kommt die Gehirnentwicklung, die der deutsche Verlag vollmundig in den Titel genommen hat, berhaupt nicht vor Dem Autor ist das nicht vorzuwerfen das Buch ist, so wie es steht, vollst ndig Aber interessiert h tte es einen doch, welche Sch den im Nervensystem so spezifisch diese scheinbar komplexe F higkeit, Menschen als Menschen wahrzunehmen, verhindern Zumal dieses Wissen zugleich aufkl ren k nnte, wie gesunde Menschen diese Leistung vollbringen Spielen vielleicht die von Vittorio Gallese entdeckten Spiegelneuronen eine Rolle, jene Nervenzellen, die gleicherma en feuern, wenn ein Affe eine Bewegung selbst ausf hrt, wie wenn er sie beobachtet Auf der Einf hlung in Mitmenschen, die ja stets eine Zuschreibung von Eigenschaften und Zust nden ist, basieren verschiedene Begriffe der Philosophie Subjektivit t Hobson legt dar, dass ein gesundes Kleinkind Menschen von vornherein als eine Einheit aus K rper und Bewusstsein erlebt und nicht etwa als Dinge , von denen es sp ter erf hrt, dass sie auch Bewusstsein haben der freie Wille, den wir, wie Peter Strawson gezeigt hat Freiheit und belnehmen , im menschlichen Umgang notwendig unterstellen, ganz gleich, ob es ihn wirklich gibt, und die Individualit t eines Lebewesens, die es f r uns moralisch bedeutsam macht Andere als Menschen wahrzunehmen und zu behandeln hei t, ihnen Subjektivit t, freien Willen, Individualit t zuzuschreiben Es w re spannend zu ergr nden, wie das geschieht Auch f r eine Theorie des Selbst, wie sie Damasio entwickelt hat, k nnte Hobsons Theorie relevant sein Autisten verf gen ber ein Selbstkonzept, insofern es um die Repr sentation eines Ich in Raum und Zeit geht Ein reiches, vollwertiges Selbst aber bildet sich erst in den vielf ltigen Beziehungen zu anderen Menschen heraus, die Autisten fehlen Das Selbst, ebenso wie das Denken, ist, wie Hobson betont, keine Eigenschaft des einzelnen Gehirns, sondern ein soziales Ph nomen Es geh rt zu den gro en Leistungen dieses anregenden Buchs, diesen vernachl ssigten Aspekt in das Blickfeld von Gehirnforschern ger ckt zu haben M glicherweise ist das der neue Trend, der in zehn Jahren ebenso Mode sein wird wie heute die Gef hle Konrad Lehmann...

Title : Wie wir denken lernen
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ISBN : 3530421685
ISBN13 : 978-3530421682
Format Type : PDF
Language : Deutsch
Publisher : Patmos Verlag 1 Januar 2003
Number of Pages : 271 Pages
File Size : 585 KB
Status : Available For Download
Last checked : 21 Minutes ago!

Wie wir denken lernen Reviews

  • Klaus Grunenberg
    2019-04-11 05:28

    Hier, in diesem Buch finden wir mehr oder weniger alles, was wir über das Denken wissen sollten.Denken oder Sprechen - was war eher vorhanden im Vollzug der Evolution?Darüber zu streiten lohnt sich nicht und die Wissenschaftler werden sich deshalb wohl noch lange drum bemühen, Dieses oder Jenes dafür zu belegen, denke ich.Vor dem Denken war das Denken, so die Aussage des Psychotherapeuten und Autismusforschers Peter Hobson.Und die Voraussetzung zum Denkvollzug war (und ist) emotionales Verhalten, so seine Schlußfolgerung.In den ersten zwei Jahren z.B. lernt der Säugling durch Kontakte mit Bezugspersonen (meistens die Mutter) zu reagieren, d.h. er setzt dabei Hirnarbeit ein.Das alles ist den meisten wohl schon bekannt, aber die Annahme, das Denken weniger durch angeborene Programme als durch emotionale Kontaktaufnahme und -verarbeitung entstehen könnte, ist doch so definiert schon erstaunlich und faszinierend.Also, was lernen wir daraus?Möglichst lange und intensiv mit dem Säugling sich beschäftigen und ein Kleinkind nicht eben mal so nebenbei mitlaufen lassen, geschweige denn in der Hauptsache den sogenannten Erziehern nur anzuvertrauen, obwohl, und das sollte man annehmen dürfen, gerade diese mit der Materie und den neuesten Forschungsergebnissen vertraut sein sollten.Dieses Buch von Peter Hobson sagt uns also nicht unbedingt Neues, aber es ist nicht gänzlich uninteressant, denn das Wiederholen von Bewährtem und Richtigem ist zumeist schon die wahre Kunst des Lebens und der Wissenschaft.