Read Politische Theologie II.: Die Legende von der Erledigung jeder Politischen Theologie. by Carl Schmitt Online

Title : Politische Theologie II.: Die Legende von der Erledigung jeder Politischen Theologie.
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ISBN : 3428128702
ISBN13 : 978-3428128709
Format Type : Audio Book
Language : Deutsch
Publisher : Duncker Auflage 5 10 Juli 2008
Number of Pages : 98 Seiten
File Size : 664 KB
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Politische Theologie II.: Die Legende von der Erledigung jeder Politischen Theologie. Reviews

  • Hans-Uwe Rösner
    2019-03-23 12:37

    Carl Schmitt hatte in seiner Politische Theologie I“ von1922 die starke Behauptung zu begründen versucht, dass alle „prägnanten Begriffe der modernen Staatslehre […] säkularisierte theologische Begriffe“ (43) sind. Sein Glaube an den christlichen Schöpfer- und Erlösergott führte ihn dazu, im Ausnahmefall und der damit verbundenen Entscheidung die eigentliche staatliche Souveränität geltend zu machen. Was hat ihn 1970 veranlasst, dieses Thema nach einem halben Jahrhundert erneut in einer Abhandlung „Politische Theologie II. Die Legende von der Erledigung jeder Politischen Theologie“ aufzugreifen? Ich würde behaupten, dass es vor allem der große Eindruck war, den Hans Blumenbergs Fassung der „Die Legitimität der Neuzeit“ von 1966 auf ihn machte und weniger Erik Petersons „Der Monotheismus als politisches Problem; ein Beitrag zur Geschichte der politischen Theologie im Imperium Romanum“ von 1935, um den es zentral zu gehen scheint.Blumenberg hatte Schmitt 1966 angegriffen. Er meinte, dass der Satz „Alle prägnanten Begriffe der modernen Staatslehre sind säkularisierte theologische Begriffe“ […], seit er 1922 ausgesprochen wurde, insofern nicht glaubwürdiger geworden sei, als man zu zweifeln gelernt hat, ob diese ‚Modernität‘ je modern gewesen ist“. Er führte einen mehrjährigen Briefwechsel mit Schmitt. In seiner erweiterten Ausgabe von „Die Legitimation der Neuzeit“ (1988) präzisierte er seine Kritik an dessen Politischer Theologie, gleichsam als Replik auf die hier vorgetragenen Kritik. Sein Diktum lautet „Wenn nicht mehr geglaubt werden kann, dass die Entscheidung zwischen Gut und Böse in der Geschichte fällt und unmittelbar bevorsteht, dass jeder politische Akt an dieser Krisis teilnimmt, verliert sich die Suggestion des Ausnahmezustands als der Normalität des Politischen.“ (1988, 101)Schmitt setzt sich also gegen „die Legende von der Erledigung jeder politischen Theologie“ zur Wehr. Er hält weiterhin an seiner These fest, dass die Monopolisierung der Gewalt im Staat oder bei einer bestimmten politischen Instanz mit dem theologischen Attribut der Allmacht Gottes strukturell vergleichbar sei. Bereits in seiner Einführung wird deutlich, dass er Blumenberg mehr im Auge hat als Peterson. So heißt es dort: „Wenn ein Gott eine Welt aus dem Nichts erschafft, dann verwandelt er das Nichts in etwas ganz Erstaunliches, nämlich in etwas, woraus eine Welt erschaffen werden kann. Heute bedarf es dazu nicht einmal mehr eines Gottes. Es genügt eine Selbst-Behauptung, Selbst-Bestätigung und Selbst-Ermächtigung“. (12)In „I. Die Legende von der endgültigen theologischen Erledigung“ bezieht sich Schmitt auf Erik Petersons Abhandlung "Der Monotheismus als politisches Problem" von 1935. Schmitt meint, Petersons Berufung auf das trinitarische Dogma und die „pauschal-negative Schlussthese, dass Politische Theologie erledigt sei“, hätte zur Folge, dass sich „heute Theologen und Anti-Theologen, Christen und Anti-Christen“ (14) darauf geeinigt hätten. Mit Bezug auf Ernst Wolfgang Böckenförde lässt Schmitt auch erkennen, dass er an seinem Begriff des Politischen weiterhin festhält: Das Kriterium des Politischen [...] kann heute noch nicht eine neue Substanz, eine neue ‚Materie‘ oder ein neues Sachgebiet sein. Das einzige wissenschaftlich noch vertretbare Kriterium ist heute der Intensitätsgrad einer Assoziation oder Dissoziation: das heißt: die Unterscheidung von Freund und Feind.“ (22)Weiterhin setzt sich Schmitt mit der Kritik des von ihm verehrten Kirchenrechtlers Hans Barion auseinander, der in der fünften seiner Konzilstudien fragt, ob die Staatslehre des 2. Vatikanischen Konzils politische Theologie und ob sie Theologie sei. Barions Kritik reiht sich laut Schmitt ein in Petersons Kritik an Bischof Eusebius von Cäsarea, dem Lobredner Konstantins des Großen. Barion und Peterson lehnen laut Schmitt eine Tradition ab, „die sich auf die Kontinuität der Kirche mit dem Imperium Romanum beruft und kennzeichnen sie als ‚Politische Theologie‘ aber nicht als ‚Theologie‘.“ (25) Weiterhin setzt sich Schmitt mit der Aktualisierung der Erledigungs-Legende durch Hans Maier, Ernst Feil und Ernst Topitsch auseinander. „Sie zeigen, in welchen verschiedenen und sogar entgegengesetzten Richtungen Petersons Erledigungsthese heute noch wirksam ist.“ (35)In „II. Das legendäre Schlussdokument“ und "lII. Die legendäre Schlussthese“ steht nun Petersons Abhandlung „Der Monotheismus als politisches Problem; ein Beitrag zur Geschichte der politischen Theologie im Imperium Romanum.“ von 1935 im Zentrum. Schmitt will "den gelehrten Kenner der ersten christlichen Jahrhunderte nicht etwa widerlegen oder auch nur kritisieren. Wir möchten nur die Tragweite seiner Schlussthese von der Erledigung jeder politischen Theologie ermitteln.“ (54) Dabei vermag er in argumentativ schlüssiger Weise zu zeigen, dass bei Peterson das interne Verhältnis zwischen Argumentation und Schlussthese alles andere als stimmig erscheint.So benutze Peterson zu Unrecht Bischof Eusebius von Caesareas Bewunderung für Konstantin den Großen dazu, um ihn als Cäsaropapisten hinzustellen, als einen Byzantiner im übelsten Sinne des Wortes, einen Fürstendiener, oder, nach dem […] Wort des Basler Theologen Overbeck, als ‚hoftheologischen Friseur der kaiserlichen Perücke‘.“ (55) Schmitts vernichtendes Urteil lautet hier: „Wenn uns für eine solche Situation ein der Häresie verdächtiger Bischof des 4. Jahrhunderts im 20. Jahrhundert als der Prototyp politischer Theologie herausgestellt wird, scheint ein begrifflicher Zusammenhang von Politik und Häresie zu bestehen: Der Häretiker scheint eo ipso als der politische, der Orthodoxe dagegen als der reine, der unpolitische Theologe.“ (58)Peterson, so Schmitt, sieht mit der politischen Theologie den Missbrauch der christlichen Offenbarung zur Rechtfertigung einer politischen Situation verbunden. Was Schmitt und sein Verhältnis zum Nationalsozialismus betrifft, hat er sicher nicht unrecht. Nicht zuletzt deshalb übt Schmitt wohl auch scharfe Kritik an ihm: „Petersons Argumentation bewegt sich in einer Trennung von rein-Theologisch und unrein-Politisch, in einer abstrakt absoluten Disjunktion, in deren Auswirkung er an jeder konkreten, Geistlich-Weltlich gemischten Wirklichkeit des konkreten geschichtlichen Geschehens vorbeigehen kann.“ (65) Peterson sei, so gesehen, „nicht über eine abstrakt-absolute Disjunktion von reiner Theorie und unreiner Politik hinausgekommen.“ (67)Petersons Schlussthese lautet u.a. dass der Monotheismus nicht nur theologisch als politisches Problem erledigt sei. "Nur auf dem Boden des Judentums oder Heidentums könne es so etwas wie eine ‚politische Theologie‘" (74) geben. Schmitt wirft Peterson seinerseits vor, dass er damit „das Verhältnis von Theologie und Rechtswissenschaft als zweier Wissenschaften, die in weitem Maße mit strukturelle-kompatiblem Begriffen arbeiten“, verstellt. (77) Er verweist dabei auf Petersons frühere Schrift „Was ist Theologie?“ (1925), in der dieser noch „der juristischen Sprache eine ganz ungewöhnliche Bedeutung für die Theologie“ (80) zugesprochen hätte.In seinem Nachwort „Zur heutigen Lage des Problems: die Legitimität der Neuzeit“ bezieht sich Schmitt nun ausführlich auf Blumenbergs ursprünglicher Fassung von „Die Legitimität der Neuzeit“ (1966): „Dieses Buch setzt die Nicht-Absolutheit absolut und unternimmt eine wissenschaftliche Negierung jeder Politischen Theologie, wissenschaftlich im Sinne eines Wissenschaftsbegriffs, der keinerlei Weiterwirkungen oder Umbesetzungen aus der Heilslehre einer sich absolut setzenden Religion gelten lässt. Derartige Umbesetzungen sind ihm nur tragische Hypotheken aus vergangenen Epochen. Ihre restlose Liquidierung gehört zur Weltlichkeit der enttheologisierten Neu-Zeit und bleibt ihr ‚dauerndes kritisches Officium‘.“ (85)Schmitts Auseinandersetzung mit Blumenberg halte ich für den nachhaltig bedeutenden Teil seiner Abhandlung. Er wendet sich hier u.a. gegen den heute anzutreffenden Trend, den Begriff Legalität durch den Begriff Legitimität zu ersetzen. So schreibt er: „Wer heute betonen will, dass er Recht hat und dass seine Aussprüche gerechtfertigt sind, verwendet dafür das Wort legitim und nicht legal, selbst dann, wenn er sich durch ein von ihm selbst erlassenes Gesetz seine Rechtsgrundlage verschafft hat und alle Bedingungen der Möglichkeit eines Gesetzes-Konsens, öffentliche Meinung, Steuerung der Faktoren des Gesetzgebungsverfahrens – beherrscht, so dass seine Ermächtigung auch wissenschaftlich eine wirkliche Selbst-Ermächtigung genannt werden kann.“ (88)Schmitt möchte nichts zum Begriff "Legitimität durch demokratische Verfahren" (Habermas) sagen. Das gehört für ihn nicht in den genuinen Bereich des Politischen. Vielmehr möchte er sein Freund-Feindschema gerettet wissen. Deshalb meint er mit Stoßrichtung gegen den liberalen Kosmopolitismus: „Das strukturelle Kernproblem des gnostischen Dualismus von Schöpfergott und Erlösergott beherrscht aber nicht nur jede Heils- und Erlöserreligion. Es ist in jeder änderungs- und erneuerungsbedürftigen Welt unentrinnbar und unausrottbar immanent gegeben. Man kann die Feindschaft zwischen Menschen nicht dadurch aus der Welt schaffen, dass man die Staatenkriege alten Stils verbietet, eine Weltrevolution propagiert und die Welt-Politik in Welt-Polizei zu verwandeln sucht.“ (93f.)Am Ende entwickelt Schmitt voller Ironie sieben Thesen, die ein ihm einleuchtendes, aber desaströs-nihilistisches Gegenbild zu seiner Politischen Theologie aufzeigen könnten. Auch hier zeigt sich seine Blindheit gegenüber den Möglichkeiten einer kosmopolitischen Weltrordnung im Geiste Kants. Blumenberg kritisiert an Schmitt mit Recht den Mangel an Legalität, den sein Dezisionismus beinhalte: "Die ‚Politische Theologie‘ ist eine metaphorische Theologie. Die quasi-göttliche Person des Souveräns hat Legitimität und muss sie haben, weil es für sie Legalität noch nicht oder nicht mehr gibt, denn sie soll diese erst oder wieder konstituieren.“ (1988, 112).